Heilsbringer für Hanoi
Die Ernennung zum Gesundheitsminister macht Philipp Rösler in Vietnam zur Berühmtheit. So mancher hofft bereits, er werde dort Politik betreiben. von David Frogier de Ponlevoy und Christiane von Hardenberg.
Die Deutschen kennen ihren Philipp eigentlich schon recht gut. Vor ein paar Jahren tauchte er aus dem Nichts auf der medialen Bühne auf - smart, jung und mit Migrationshintergrund. Dass Philipp Rösler in Vietnam geboren und im Alter von neun Monaten zu seinen Adoptiveltern nach Deutschland kam, war alles andere als ein Geheimnis. Deutsch-Vietnamesen verehren das Aufsteigeridol ohnehin seit Langem. In seinem Herkunftsland aber war er bislang ein Unbekannter. Lediglich eine Zeitung wurde Anfang des Jahres auf ihn aufmerksam, als er in Niedersachsen seinen ersten Ministerposten antrat. Rösler ließ sich die Geschichte damals ins Deutsche übersetzen. Sein Vietnamesisch ist schlecht.
In Vietnam spricht derzeit die halbe Nation davon, was für ein Wunderknabe dem Land seinerzeit abhanden kam. Und die Medien feiern den neuen Bundesgesundheitsminister: "Gut für unser Land" sei die Berufung Röslers in das zweite Kabinett Merkel, berichtet die vietnamesische Onlinezeitung Vietnam Net. Wohlgemerkt, der gebürtige Vietnamese wird Gesundheitsminister in Deutschland, nicht in seinem Herkunftsland. Und als ob das noch nicht reicht, versteigt sich die Zeitung weiter, das sei "gut für die Vietnamesen in Deutschland und ganz Europa".
Den sozialistischen Staat am anderen Ende der Welt hat die Rösler-Euphorie erfasst. An den Marktständen und in den Büros wird heftig über Röslers "charmantes Aussehen" diskutiert. Gleichwohl sehe er ja eher aus wie ein Chinese, seine Hautfarbe so hell, die Nase "hoch", heißt es. Beides gilt in Vietnam als ausgesprochenes Schönheitsmerkmal.
Offenkundig trauen die Vietnamesen Rösler allerhand zu. Er könne doch gleich das vietnamesische Gesundheitswesen auf Vordermann bringen, fordern etwa staatstreue Kommentatoren. Nicht dass der FDP-Politiker mit dem deutschen System nicht schon genug zu tun hätte. Auch dürften Röslers liberale Vorstellungen von einem funktionierenden Gesundheitssystem kaum mit denen der vietnamesischen Genossen übereinstimmen.
Doch das tut nichts zur Sache. Die Freude ist so groß, dass der Niedersachse denn auch gleich eingebürgert wird. Ungefragt, versteht sich. "Ein Vietnamese wird deutscher Gesundheitsminister", schreibt die Zeitung "Tien Phong" über ein halbseitiges Porträt. Auf diese staatsrechtliche Besonderheit wird nicht näher eingegangen. Korrekt und differenzierend berichtet immerhin die Zeitung "Tuoi Tre" vom "vietnamesischstämmigen" Minister.
Dem Umschmeichelten kann der vereinnahmende Beifall aus Fernost recht sein. Die Hoffnungen, er könnte einmal Vietnams Heilsbringer werden, dürfte er allerdings kaum erfüllen. Rösler versteht sich nämlich als deutscher Katholik und hat kein sonderliches Bedürfnis, zu seinen Wurzeln zurückzukehren.